> Auf japanischen Pfaden wandeln

Das Prinzip bewusster Reduktion im Garten

Zuerst veröffentlicht im Riviera Zeit Magazin, Januar 2016

Ein neues Jahr beginnt und mit ihm entwickeln wir löbliche Pläne, gute Vorsätze und vielleicht sogar neue Perspektiven. Das ist auch gut so, denn mehrere Ereignisse des hinter uns liegenden 2015 haben uns zweifeln lassen an selbstverständlicher, stets verfügbarer Sicherheit und unseren Glauben erschüttert, dass wir geschützt in einer friedlichen Welt leben.

In solchen Zeiten neigt man dazu, sich zurück zu ziehen von der Welt und sein Glück und Wohlbefinden im Privaten zu suchen. Doch wie vermitteln einem Haus und Garten die Empfindung von Aufgehobensein und innerer Zufriedenheit? Während im Haus schöne Textilien, gute Bilder, geschmackvolle Farben und persönliche Gegenstände für ein Zuhause-Gefühl sorgen, müssen wir uns draußen etwas mehr einfallen lassen, um unseren eigenen Hortus conclusus, unseren verschlossenen (Paradies-)Garten, zu kreieren. Doch warum verschlossen? Wollen wir denn nicht immer offen sein, zugänglich, leicht zu erreichen? Nein, wollen wir nicht. Jeder von uns braucht auch ein Refugium, ein Ort, an dem wir die Welt einfach mal Welt sein lassen und nur ganz bei uns sind.

Eine der besten und dabei schönsten Möglichkeiten, sich einen perfekten privaten Rückzugsort zu schaffen, ist die Anlage eines japanischen Gartens. Nun, was ist denn an einem japanischen Garten so anders? Der japanische Garten vermeidet Überfüllung, er ist strukturiert, hat mindestens eine interessante Blickachse, setzt auf eine reduzierte Zahl von Pflanzenarten und er ist durch zwei Hauptanforderungen definiert: Einfachheit und Balance.

Diese Themen sind aber ebenso dauerhafte Trends unserer Zeit: Die Suche nach dem einfacheren, aber qualitätvollen Leben und einer funktionierenden ‚Work-Life-Balance. Das Prinzip der bewussten Reduzierung – Überflüssiges weglassen, Wichtiges hervorheben – kann man auch im Garten anwenden. Blumen in allen Farben, nicht beschnittene Büsche und Bäume, Unkraut und zuviel Dekoration lassen einen Garten billig und ungepflegt aussehen, während klar definierte Bereiche ein ästhetisches Bild erzeugen.

Die Kultur der japanischen Gärten ist über 1500 Jahre alt und hat chinesische Wurzeln. Einflüsse von außen, Politik, Dichtung, Malerei und auch Kriege haben zu zahlreichen Stilwandeln des japanischen Gartens geführt. Statt der stillen Stein- und Teegärten, mit denen wir heute in erster Linie den typisch japanischen Garten verbinden, gab es in einigen Perioden überquellende Blumenvielfalt, in anderen wurden künstliche Fischerdörfer angelegt und in vielen Epochen war der Garten untrennbar mit der Dichtkunst verbunden.

Heute dürfen wir ruhig auch ein wenig unorthodox sein und verschiedene Stile miteinander verknüpfen. Wie wäre es zum Beispiel mit dieser Idee? Wir gehen vom japanischen Wandelgarten aus; ein großzügiger Garten, der sich durch mehrere kleinere und größere Teiche auszeichnet. Die darin liegenden Inseln sind über Brücken erreichbar, die übrigens nicht rot sein müssen, sondern auch in salbeigrün, cremeweiß oder dunkelblau gut aussehen. An einem dieser Teiche könnte ein schöner Ahorn wachsen (z.B. Acer palmatum ‚Beni komachi‘), gepflanzt auf einem kleinen Hügel (erstens aus ästhetischen, zweitens aus Drainage-Gründen). Im Herbst lässt er seine scharlachroten Blätter auf das Wasser fallen, vielleicht beäugt von neugierigen Kois. Gefällt Ihnen dieses friedliche Bild?

Wenn genügend Platz vorhanden ist, sollte unbedingt ein Gartenhaus gebaut werden, das auch Teehaus, Atelier oder Schreibwerkstatt sein kann. Gartenhäuser sind geradezu prädestiniert dafür, Kreativität zu wecken und ungestört vom Rest der Welt seinen Einfällen auf Papier oder Leinwand Ausdruck zu verleihen. Berühmte Gartenhausfans sind u.a. Johann Wolfgang von Goethe, George Bernard Shaw, Paul Klee, Prince Charles und Snoop Dogg. Sie sehen also, Sie befänden sich in interessanter Gesellschaft, wenn Sie sich für mehr als einen „Schuppen“ in Ihrem Garten entscheiden würden.

Wir verlassen das Gartenhaus, das man vor allzu neugierigen Blicken gut mit einer Bambuspflanzung schützen kann (bitte nicht die tiefgreifenden Rhizomsperren im Boden vergessen) und sehen uns den Garten nun aus einem anderen Blickwinkel an: Sanft modellierte Hügel, helle geschwungene Sandwege, knorzige, in Szene gesetzte Gartenbonsais wie z.B. Mädchenkiefer (‚Pinus parviflora‘) und Goldlärche (‚Pseudolarix amabili‘) prägen den Bild, schöne Büsche wie Ilex crenata, Rhodendren und Azaleen runden es ab. Kamelien sollten nicht fehlen, es gibt Sorten, die bis zu -12° frosthart sind. Zu bunt sollte man nicht werden, orangefarbene Rhododendren und rosa Kamelien sind nicht schön, wählen Sie statt dessen einen Farbbereich und bleiben Sie dabei.

Außerdem gehören in einen japanischen Garten gut platzierte, sehr große Steine, ein Wasserspiel, gerne aus Bambus und eine Steinlaterne. Ein solcher Garten wirkt einladend, beruhigend und inspirierend zugleich. Vielleicht ist das eine Perspektive für’s neue Jahr?

Sabine Sophy, Green Parrot Gardens