’suna‘ und ‚jari‘ – Sand und Kies

Endlich Ruhe. Entdecke den Japaner in Dir.

HHerr K. ist ein beruflich äußerst eingespannter Mensch und er hat uns im Vorfeld zu verstehen gegeben, dass unsere Gesprächszeit leider ein wenig limitiert ist. Dennoch verläuft unsere Unterhaltung alles andere als unfreundlich, auch wir wollen ja schließlich zu einem fassbaren Ergebnis gelangen.

„Mein beruflicher Alltag ist, leider Gottes, durch ein Gefühl ständigen Hochdrucks bestimmt. Mein Leben besteht aus Entscheidungen, die ich manchmal im Minutentakt fällen muss. Jeden Tag treten Menschen an mich heran und ich muss Lösungen finden, vermitteln, Strategien entwerfen, das Gestern analysieren, das Morgen planen und das Heute im Griff haben. Es schwirrt geradezu, es ist ein unablässiger Strom von Ereignissen, der niemals aufhört. Würde man es in einem Bild darstellen, so ist es, als würden tausende Papierflieger ständig auf meinen Kopf abgefeuert. Ich suche einen Gegenpol zu meinem Alltag“, erklärt er. „Ich brauche eine Ruhezone, die mir allein gehört, wo nicht permanent andere Menschen herumlaufen. Kriegen Sie das hin?“

Perfekt vorbereitet, übergibt er uns einen Grundstücksplan und bittet uns, etwas wirklich Besonderes zu entwerfen.

„Wir tun, was wir können.“

Wir haben für Herrn K. einen japanischen Garten entworfen. Weder gibt es viele bunte Blumen noch eine Vielzahl verschiedenster Einzelpflanzen, denn dies würde ihn nur an seinen Alltag mit den vielen Einzelereignissen erinnern. Wir haben uns jedoch entschlossen, uns nicht puristisch an einen der verschiedenen japanischen Gartenstile zu klammern, sondern aus verschiedenen Epochen und Stilen diejenigen Elemente miteinander zu kombinieren, die für die Wirkung des Gartens besonders hilfreich sein könnten und die unserem Kunden gefallen könnten.

Herr K. hat ein großes Grundstück. Deshalb müssen wir uns nicht künstlich begrenzen. Als Grundprinzip gehen wir vom japanischen Wandelgarten aus. Wir überlegen uns die Lage der Teiche, planen die Größe der Inselchen in den Teichen und versuchen uns die besten Plätze für die Brücken zu den Inseln vorzustellen.

Wir entwerfen großzügige Wellen und Hügel, in Form gehalten von geschwungenen, sehr hellen Kieswegen. Da wir nicht möchten, dass die Ruhe von Herrn K. durch lästige Rasenmäher gestört wird, beschließen wir eine Bepflanzung mit „no mow grass“, in diesem Fall greifen wir zu Zoysia tenuifolia, ein langsam wachsendes Gras, das (ungemäht) ein sanft fließendes Grasmeer entstehen lässt. Eine Erholung für die Augen und dabei äußerst pflegeleicht.

Wir wählen wenige, jedoch dafür sehr sprechende Pflanzen aus, die sich durch einen markanten Wuchs auszeichnen. Wir entscheiden uns für Bergkiefern und Mädchenkiefern sowie für die in irregulärer Pyramidenform wachsende Pinus densiflora ‚Oculus-draconis‘, die japanische Drachenaugen-Kiefer.

Wir kombinieren (klassisch japanisch) Kiefern und Pflaumenbäume, da sie für den Augenblick und die Unendlichkeit stehen, wir suchen die schattigsten Stellen, um Moose geschickt um Steine wachsen zu lassen, definieren streng begrenzte Areale für Bambus und platzieren bewusst einige wenige Rhododendren, alle im selben tiefen Pinkton.

Wir besorgen einen japanischen Holzrechen um großzügige helle Sandmeere zu rechen, eine Aufgabe, die nicht für uns gedacht ist, sondern der Entspannung des Hausherrn dienen soll. Steinlaternen runden das wunderbar ruhige Bild ab.

Ein Teehaus muss man sich im Garten erwandern, es ist nicht sofort sichtbar. Der Tradition folgend, kann man nicht einfach so hineingehen, sondern betritt es durch ein Tor, um die eine Welt hinter sich zu lassen und die andere zu betreten.

Der schönste Teil ist jedoch der Koi-Teich, am Ufer ein Fächerahorn, der im Herbst glutrote Blätter bekommt, bevor sie eines nach dem anderen abfallen, eine kurze Zeit auf der Oberfläche des Sees verweilen, bevor sie vergehen. Man kann nichts festhalten, aber den Moment bewusst wahrnehmen. Eine große Naturlandschaft, allerdings im Gartenformat. Ein Ort tiefer Ruhe und vollkommenen Friedens.

Wir präsentieren. Herr K. lächelt beim Anblick der Pläne. Es gefällt ihm alles sehr, sehr gut. Er wird sich in der Zukunft mehr Zeit für sich selbst nehmen. Zeit in seiner eigenen Landschaft verbringen, deren Strukturiertheit und Ruhe das Gegengewicht zu seiner Berufswelt bilden. Zum Schluss verrät er, und da wird sein Lächeln geradezu schelmisch, er habe sich sogar ein Yukata gekauft.